Zur Ausstellungseröffnung am 3. Mai 2019 hielt die Kunsthistorikerin und Kuratorin Dr. Franziska Storch eine beeindruckende Rede, die Sie hier gerne nachlesen können.

Franziska Storch: Eröffnungsrede zur Ausstellungseröffnung

harbourlights von Arthur Selbach, 03. Mai 2019

Sehr geehrte Damen und Herren,

auch von meiner Seite einen wunderschönen guten Abend. Es freut mich überaus, heute die einleitenden Worte zu Arthur Selbachs Serie harbourlights, aus der Sie in dieser Ausstellung ….. Bilder sehen können, sprechen zu dürfen.

Arthur Selbach hat nach vielen Jahren der Reisefotografie ferner Orte seit 2010 sein Objektiv auf die „reisenden“ Schiffe aus anderen Ländern gerichtet, die in seiner Wahlheimat Hamburg Station machten.

Die imposante Größe und Konstruktion moderner Container und Kreuzfahrtschiffe erinnert an Hochhäuser oder riesige Lagerhallen. Die heutigen Kreuzfahrtschiffe scheinen die Ideen des französischen Architekten Le Corbusier auf das Wasser zu verlagern. In den 1920er Jahren hatte Le Corbusier seine Unité d’Habitation – zu Deutsch Wohnmaschine – entworfen, in der Wohnen und Leben zusammenkommen sollten. In einem Gebäudekomplex brachte er in den verschiedenen Etagen Wohneinheiten, Restaurants, eine Wäscherei und ein Schwimmbad unter. Und 1923 nannte Le Corbusiers in seiner bekannten Schrift Vers une Architecture – zu Deutsch Ausblick auf eine Architektur – Flugzeuge, Autos und auch „Ozeandampfer“ als Sinnbilder für den technischen Fortschritt und Vorbilder einer zeitgemäßen Architektur. Hatte der Architekt Le Corbusier Häuser den Schiffen ähnlicher machen wollen aufgrund ihrer technischen Ausstattung, ist beim Fotografen Arthur Selbach die umgekehrte Perspektive gegeben. Er hatte seine Karriere mit dem Fokus auf Architekturfotografie begonnen und er behielt diesen Blick bei seinen Aufnahmen der riesigen Schiffskörper. Die ausgedehnten Maße jener Schiffe, seien es Kreuzfahrtschiffe oder die mit hoch gestapelten Containerreihen beladenen Transportschiffe, bilden Fronten ähnlich hohen Häuserfassaden. Um diese beispielsweise ohne stürzende Linien aufzunehmen, ist handwerkliches Können notwendig, das Arthur Selbach aus der Architekturfotografie mitbringt.

Seine Bilder bestehen aus mehreren, übereinanderliegenden Motiven, die er erst im zweiten Schritt am Rechner zusammenführt. Hierdurch gelingt es Arthur Selbach, verschiedene Objekte und Zeitpunkte miteinander zu verbinden, sodass eine Wahrnehmung von Zeitlichkeit möglich wird. Dieses Vorgehen rückt seine Arbeiten in eine Tradition mit Fotografen, die ebenfalls mehr als einen einzelnen Moment einfangen wollten. Der bekannteste Vertreter des 19. Jahrhunderts, ist Eadweard Muybridge. Mithilfe von sehr kurz hintereinander geschossenen Aufnahmen eines in Bewegung befindliches Tieres oder Menschen schuf Eadweard Muybridge Serien, die schnelle Bewegungsabläufe nachvollziehbar machen. 1878 konnte er mit dieser Methode nachweisen, dass ein Pferd beim Galopp alle vier Beine für einen Moment vom Boden gelöst hat. Bei Eadweard Muybridge existieren die Einzelaufnahmen nebeneinander und die Bewegung des Gegenstands wird erst in ihrer Abfolge, beispielsweise als Daumenkino, sichtbar. Arthur Selbach führt hingegen die verschiedenen Momente in einem einzigen Bild durch unmittelbare Überlagerung zusammen. Eine weitere fotografische Technik, die Bewegung sichtbar macht, ist die Langzeitbelichtung. Sie wurde in den 1990er Jahren zum Markenzeichen des Fotografen Michael Wesely. Er wählt eine feste Einstellung und belichtete mit offener Blende über einen sehr langen Zeitraum, wodurch diejenigen Objekte verwischen, die sich während der Aufnahmezeit bewegt haben. Auf diese Weise hielt Michael Wesely den Bau von Häusern oder verwelkende Blumen fest. Arthur Selbach verwendete kaum Langzeitaufnahmen. Stattdessen kombinierte er mehrere Einstellungen. Jedes Einzelbild für sich zeigt einen kurzen Augenblick. Der Eindruck von Bewegung entsteht bei Arthur Selbach erst durch die halbtransparente Überlagerung. Jene Transparenz der Motive verleiht den eigentlich massiven Schiffen Leichtigkeit, sie erscheinen gar wie in Auflösung begriffen. Diese Ästhetik überspitzt die kurze Aufenthaltsdauer der Ozeanriesen im Hamburger Hafen. Ebenso wie das Wasser sind auch sie ständig im Fluss. Allein zum Löschen und Beladen halten sie.

Die Transitzeit von Hong Kong nach Hamburg beträgt 45 Tage, von Shanghai nach Hamburg 43 Tage. Das ist für eine Wasserroute extrem schnell. Dieser Transportweg dauert zwar deutlich länger als mit dem Flugzeug, doch das deutlich höhere Fassungsvermögen der Containerschiffe gleicht dies wieder aus. Wo es nicht um den Transport von Gütern als physisch ausgedehnte Körper, sondern um die Übertragung von Daten geht, ist die Geschwindigkeit durch Glasfaserkabel und Satelliten so stark gestiegen, dass inzwischen ein Skypen zwischen Europa und Japan ohne Zeitverzögerung möglich ist. Die Veränderung von Ort- und Zeitgefühl, die durch die schnelle Satellitenübertragung passiert, hat bereits 1984 Paul Virilio in seiner Publikation Die Auflösung des Stadtbildes beschrieben. „Auf dem Interface des Bildschirms ist immer schon alles unmittelbar da, weil es im selben Augenblick übertragen wurde. […] Wenn der Raum das ist, was verhindert, dass alles am selben Platz ist, bringt diese plötzliche optische Konzentration alles – und wirklich alles – an ebendiesen ‚Platz’, der nichts weiter ist als ein ortloser Ort.“ (S. 266)

Eine ähnliche „optische Konzentration“ unternimmt Arthur Selbach, wenn er am „Interface des Bildschirms“ die digitalen Einzelaufnahmen von verschiedenen Stellen des Hamburger Hafens zu unterschiedenen Zeitpunkten überlagert. Bei Arthur Selbach entsteht jedoch kein „ortloser Ort“, weil alle Aufnahmen vom selben Ort, aber aus verschiedenen Perspektiven zu unterschiedlichen Zeitpunkten stammen. Durch das halbtransparente Zusammenführen dieser Zeitpunkte wird aus der stabilen Statik der Baukörper von Container- und Kreuzfahrschiffen ein fluides Bild der Gleichzeitigkeit von Ort und Zeit. Damit steht Arthur Selbach in der Tradition einer Entwicklung, die Paul Virilio in seiner Publikation ebenfalls beschrieben hat. „[D]ie Schärfentiefe der klassischen Perspektive wurde schon seit Anfang des 20. Jahrhundert von der Zeittiefe der fortschrittlichen Techniken abgelöst. […] Auf Haussmanns Häuserfluchten folgten die Bilderfluten der Brüder Lumière […]. Von der Ästhetik der Erscheinung eines ‚stabilen und dauerhaften Bildes’, das gerade durch seine Statik gegenwärtig ist, zu einer Ästhetik des Verschwindens eines ‚instabilen Bildes’, das nur in seiner (kinematischen und kinematografischen) Flüchtigkeit gegenwärtig ist“. (S. 270)

Der von Paul Viriolio benannte Architekt Georges-Eugène Baron Haussmann war Mitte des 19. Jahrhunderts als Präfekt des französischen Départments Seine Stadtplaner von Paris. Er ließ zahlreiche langgestreckte Gebäude mit hohen Fassaden errichten. Ende des 19. Jahrhunderts präsentierten die Gebrüder Lumière eine erste Form des Kinofilms. Dieser Wechsel von einer baulichen Statik zum Bewegtbild hat in Arthur Selbachs Bildern durch die halbtransparenten Überlagerungen eine neue Phase erreicht. Statt wie beim Film die Bilder nacheinander zu sehen, werden sie hier gleichzeitig sichtbar.

Ist der Aufenthalt der Schiffe nur von kurzer Dauer, so steht dem die Präsenz des Hafens als Ganzes gegenüber. In Hamburg ist der Hafen fester Bestandteil und zugleich Wahrzeichen der Stadt. Auch der Hafen unterliegt Veränderungen, die jedoch deutlich langsamer passieren. Im 12. Jahrhundert verlieh Friedrich I. Barbarossa Hamburg das Hafenrecht und die damit verbundenen Handelsprivilegien. Hamburg ist seither ohne Hafen nicht denkbar. Wurden in den 1990er Jahren noch rund 60 Mio Tonnen im Hamburger Hafen umgeschlagen, so waren es 2003 bereits knapp über 100 Mio Tonnen und im vergangenen Jahr (2018) lag der Gesamtumschlag bei 135 Mio Tonnen, wovon rund 90 Prozent in Containern verladen wurden. Optisch unterscheidet sich der Hamburger Hafen von anderen spätestens seit 2016 mit der Eröffnung der Elbphilharmonie. Seither gehört sie zur Silhouette des Hafenbereichs und ist auch in machen Bildern von Arthur Selbach zu sehen.

Die Zusammenstellung der einander überlagernden Digitalfotografien erfolgt nicht allein nach ästhetischen Gesichtspunkten. Arthur Selbach berücksichtigt die Zugehörigkeit zu jeweils einer Reederei und ist zu einem Kenner der Historie einzelner Unternehmen und Schiffe geworden. Daher verwundert es nicht, dass er auch die MOL Triumph fotografiert hat, als sie im Rahmen ihrer Jungfernfahrt 2017 im Hamburger Hafen hielt. 2017 war die MOL Triumph das weltweit größte Containerschiff mit einem Fassungsvermögen von 20.170 „Twenty Foot Equivalent Unit“, kurz TEU und zu Deutsch zwanzig Fuß gleichwertigen Einheit. Zugleich war dieses „Flagschiff“ der japanischen Reederei MOL Mitsui O.S.K. Lines das erste Containerschiff mit einer Ladekapazität von mehr als 20.000 TEU.

Für die Aufnahmen hat sich Arthur Selbach immer wieder auf das Wasser begeben. An Bord von Fähren, Lotsenschiffen und aus der Perspektive von Schiffsbrücken ein- sowie auslaufender Schiffe sind die meisten Fotografien entstanden, die eindrucksvoll die Größe und die Farben der Kreuzfahrt- und Containerschiffe wiedergeben sowie die Technik des Hafens bestaunen. Die Kehrseite der Nutzung des Meeres als Wirtschaftsfaktor, wie Verschmutzung oder Überfischung, thematisiert Arthur Selbach in seinen Bildern nicht. Statt abschreckender Motive mit einem drohenden Zeigefinger geht er diese Schattenseite konstruktiver an. Beim Verkauf jeder Arbeit gehen während des ganzen Jahres 2019 10 % an die gemeinnützige Organisation Sea Shepherd Global, die sich seit 1977 aktiv für den „Schutz der marinen Tierwelt“ weltweit einsetzt. Sea Shepherd engagiert sich gegen Tierquälerei im Fischfang Robbenjagd oder Walfang. Damit haben die Reedereien, deren Schiffe auf Arthur Selbachs Bildern zu sehen sind, nichts zu tun. Daher entsteht kein Interessenskonflikt, wenn seine Bilder im Foyer oder Konferenzraum einer der großen Reedereien wie MOL, Maersk oder Costa hängen.

Arthur Selbach verbindet mit der Serie harbourlights seine Faszination für die großen Schiffe unserer Zeit im Bild mit dem Bewusstsein für die Fauna der Weltmeere über den Spendenanteil beim Verkauf. Mit der Verbindung aus ästhetischem Genuss und Nachhaltigkeitsdenken trifft er den Nerv unserer Zeit. Seine Bilder machen die heutige Schnelllebigkeit sichtbar und laden zugleich zum optischen Erkunden der eingefrorenen Zeit ein.

Die Ausstellung ist eröffnet.